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Kapitel 2: Die Nebenstraßen der Mongolei

Ulan Batur – Erdenesant 06.06 bis 11.06.2013

Prolog

Wenige Tage sind vergangen und dennoch sind sie ereignisreich und satt gefüllt mit Abenteuer. Einen Hauch weniger Abenteuer zu Anfang wäre auch in Ordnung gewesen. Die Tage haben gezeigt, dass richtige Ausrüstung sehr wichtig ist und bis auf einen Gegenstand hat sie uns auch nicht enttäuscht. Eine intensive Streckenplanung ist sogar noch wichtiger und letztendlich unsere Körper, die halten müssen.

Wir haben uns sehr gefreut endlich mit unseren Rädern zu starten, eine Nacht vorher legten wir die Route fest. Von Ulan Bator soll es nach Tsetserleg gehen. 500km – 10 Tage. Wir wählten Nebenstraßen aus, da wir nicht auf der Hauptstraße unterwegs sein wollten und mit dem Zeigfinger kommt man auf den weißen Strichen auf der Landkarte hervorragend voran…

Ulan Batur entkommen

Zunächst einmal müssen wir raus aus der großen Stadt. Es ist heiß und die Straßen staubig und Berufsverkehr zieht an uns vorbei. Wir fahren noch einmal zum Immigration Office am Airport um unsere Visa erfolgreich zu verlängern. Wir bleiben auf der Straße, die schon bald schlechter und zu einer Schotterstraße wird. Der Verkehr lichtet sich langsam. Eine erste Baustelle zeigt sich und bringt uns etwas von der geplanten Route. Auch unsere Landkarte, sowie Garmin World Map und OSM helfen wenig weiter, aber es reicht die ungefähre Richtung einzuschlagen. Von Straßen kann jetzt schon nicht mehr die Rede sein. Hätten wir umdrehen sollen? Das Wetter ist bewölkt, frisch und windig. Außerhalb der großen Stadt werden wir zuerst mit Müll konfrontiert. Wir fahren zwischen stinkenden Müllbergen und im Wind flatternden Tüten und erwischen auch mehrere Scherben mit unseren Reifen, die unbemerkt und prall weiterrollen.

Die Mongolei hätten wir uns eigentlich anders vorgestellt und wir erreichen unser 50 km Ziel (zum letzten Mal). Hinter einem letzten Ort stellen wir unser Zelt an einem Fluss auf. Hier grasen auch Pferde, Kühe und Ziegen und wir sind froh einen schönen Platz gefunden zu haben. Mit dem Bezinkocher kochen wir und mit dem Wasserfilter machen wir das Flusswasser sauber. Wir schlafen unruhig in der ersten Nacht im fremden Land, sie hat angefangen mit der harmlosen Frage “Hast du das auch gehört?”

Mit dem Wind im Nichts

Das Wetter auf unserer Tour war jeden Tag anders. An diesem Tag war es sehr bewölkt und hin und wieder regnete es leicht. Die Straße löste sich von einem Schotterweg langsam in Nichts auf. Wir erreichen das Dorf Altanbulag und kauften Essen im Supermarkt ein. Wir haben starken Gegenwind und schieben unsere Räder auf einer Wiese über eine Bergkette und dann erreichen wir die große Weite der Mongolei. Ein kleiner Pfad schlängelt sich durch freie Herden von Pferden, Ziegen, Schafen und Kühen. Hin- und wieder kommen uns Hunde besuchen, bellen und gehen wieder. In der Weite sehen wir auch Jurten und Reiter. Verkehr gibt es nicht mehr. Wenige Motorräder sehen wir. Der starke Gegenwind und die immer schlechter werdenden Wege machen es sehr mühsam voran zu kommen. Manchmal versinken wir im Sand mit unseren schweren Rädern oder können nicht fahren weil der Boden so wellig ist. Eine Geschwindigkeit von 15 km/h ist nun utopisch, ein völlig undenkbarer, ferner Gedanke. Wir bewegen uns zwischen 6-8 km/h oder auch nur 2 km/h wenn wir schieben.

Trotz des mühsamen Vorankommens sind wir guter Dinge. Wir haben keinen Zeitplan und immer einen Fluss an der Seite. Wir schaffen nur 40 km und zum Campen ist die Mongolei ein super Tipp. Der Traum für jeden Wildnisfan und Naturliebhaber. Zum Fahrradfahren ist die Strecke nur für Masochisten zu empfehlen. Und zu den Menschen in der Mongolei kommen wir gleich.

Hauptfilter ersetzen

Wir stellen unser Lager wieder an einem Fluss auf, mit Blick auf eine 100-köpfige scheue Pferdefamilie und schlafen inzwischen super gut in unserem Zelt.
Plötzlich und ohne Ankündigung fällt am nächsten morgen leider unser Katalyst Vario Wasserfilter aus. In der Anleitung steht: “wenn der Hauptfilter verstopft ist, müssen sie diesen ersetzen.” Was !? So stehen wir nun im Nichts, ca. 3 Tage zum nächsten Supermarkt entfernt und nach zweimaligen benutzen fällt der Filter aus! (Anmerkung: Als wir wieder in Deutschland waren kontaktierten wir Katalyst. Sie waren so freundlich und schickten uns einen Ersatzfilter. Für diese Art von Touren benötigen wir aber einen Expeditionsfilter von Katalyst. Der Vario sei für Trekking und für filtern von fast klarem Wasser gedacht.)

Am Ende der Kräfte

Die weitere Strecke war bis zum Mittag einfach, da wir manchmal auf getrocknetem Sand rollen konnten. Die Sonne glühte an diesem Tage. Wir aßen zu Mittag: einen Apfel (gewaschen, noch aus UB), drei Schokoriegel und tranken gereinigtes Wasser (als der Filter noch funktionierte). Nach der Pause fühlten wir uns beide plötzlich übel. Lieber Leser, was kann das gewesen sein? In unendlicher Hitze, geschwächt, quälten wir uns durch, wieder sandige Pisten. Übel, mussten wir uns mehrfach übergeben und fühlten uns verloren. Wir waren im Nirgendwo. Was wie die Freiheit wirkt, scheint nun beengend. Weit und breit ist NICHTS zu sehen, nur ein sandiger, unendlicher Weg. Keine Fahrzeuge, kein Schatten, kein Fluss, kein Wasserfilter, kein Vorankommen und wir beide haben keine Kraft mehr. Bis zur nächsten Stadt sind es 120 km (was wir damals aber noch nicht wussten). Ja hier kann man sich in Hoffnung und Glauben üben, wenn sonst nichts mehr ist, an was man sich halten kann. Die Stunden vergehen und der Himmel sieht plötzlich pechschwarz aus und bremst uns mit nieder gesendeten Windböen.

Wir suchten vergeblich einen windgeschützen Zeltplatz um uns auszuruhen. Fanden auch hier Sand und einen sehr dreckigen Fluss (dessen Wasser wir kaum abkochen könnten bei dem Wind). Und nun kommen die Menschen der Mongolei ins Spiel, unsere Retter. Wir steuerten scheu eine Jurte, in der Nähe, an. Hunde begrüßten uns und gaben bald auf uns zurückzuhalten von ihrem Revier. Die Jurte schien leer. Ein Mongole auf einem Pferd kommt aus der Ferne geritten und hat uns entdeckt, bald darauf noch andere. Sie möchten mit uns feiern, eine Ziege schlachten und Vodka trinken. Die “Übelkeits-” Geste war leicht zu verstehen, sie baten uns herein in die kleine, einfach Höhle. Gaben uns ein Bett und heizten ein und gingen dann wieder. Hin und wieder besuchten sie uns und brachten ihre Kinder mit. Wir versuchten uns, sofern es mit unserem Zustand ging, mit der Kommunikation, zeigten Fotos aus unserer Heimat oder ließen sie mit unseren Smartphones spielen. Ihre unkomplizierte, hilfsbereite und lustige Art rührt uns sehr und leider muss man sich als Deutscher schämen. Was würden wir tun, wenn ein kotzender Mongole vor unserer Tür stehen würde, während wir beschäftigt sind unseren goldenen Käfig zu polieren?
Die Nacht unter Bauchschmerzen und Ekel vor dem noch vorhandenen Wasser war unbeschwerlich. In unseren Kuppelschlafsäcken war es enorm warm und wir waren froh das Ganze gemeinsam durchzustehen. Draußen waren teilweise undefinierbare Tiergeräusche zu hören. Eine ganze Herde schien die Jurte fast umgerannt zu haben in der Nacht. Dann die bellenden Hunde und ein jämmerlich wieherndes Pferd, was das gleiche wie wir zu sich genommen haben muss. Am nächsten Morgen fühlten wir uns schon besser, inzwischen waren Ziegen und Schafe um die Jurte versammelt. Wir frühstückten (heisses Wasser und Instantkaffee) gemeinsam mit den zwei Nomaden Männern, die über Nacht bei uns blieben und bedankten uns herzlich.

Taxi

Doch schon bei wenigen Kilometern im Sand bei fast 40 Grad, war klar, dass wir auch an diesem Tag, die nächste Stadt mit Supermarkt und unbegrenzten Trink- und Essensvorrat und Erholung nur unter bedrohlichen körperlichen Anstrengungen erreichen könnten. Der Strom des GPS-Navis ging auch langsam zur Neige und der Forumlader liefert auch keinen Strom bei unserer km-Leistung. Wir mussten also wieder zur nächsten Jurte am Horizont fahren und suchten uns eine mit PickUp-Wagen davor. Die Familie war viel besser ausgerüstet, sogar Fernseher und Kinderspielzeug waren zu finden. Die Familie hatte wieder einen großen Spaß, als wir ihnen erzählt haben, dass wir mit dem Rad aus UB hergekommen sind. Nach ein paar Telefonaten und Preisverhandlungen, fuhren sie uns zur nächsten Stadt Ondorshirret auf 50km Sandpiste für ca. 40 Euro. Wir waren sehr glücklich, dass mit unserem Zustand nicht mit den Rädern zu fahren.

In Ondorshirret deckten wir uns mit Essen und Trinken ein, erholten uns und hatten Spaß mit den Kindern, die sich in unsere Räder verliebt haben und nicht mehr aufhören konnten zu radeln. Als Gegenleistung boten sie uns ihre Pferde an, was wir aber ablehnen mussten.

Nun sind wir in Erdenesant und regenerieren uns. Die letzte Straße, die uns hierher brachte war dann doch eine asphaltierte und kaum befahrene Hauptstraße. Hier lässt es sich optimal Radfahren. Es gibt zwar keinen Schatten und Temperaturen über 35 Grad, aber dies ist zu bewältigen, wenn man fit ist. Wir hingegen, haben ohne Übelkeit, kaum was essen und trinken können und haben uns hin und wieder gern mitnehmen lassen.